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„Aargauer Zeitung“ vom 6. September 2001

Gesichter des Flamenco

Niederrohrdorf Kulturkreis Rohrdorf lud zum rassigen Abend ein

eva_zuercher

Tänzerin Eva Zürcher stellte zusammen mit drei Künstlern ihr vielseitiges Programm «Flamenco Inspiración» vor. Das Publikum im Kirchenzentrum Guthirt honorierte dies mit donnerndem Applaus.

Graziös und stolz betrat die Tänzerin die Bühne. Ihre Augen strahlten ungebrochene Lebensfreude und aufbrausendes Temperament aus. Das Gesicht war dezent geschminkt und das lange dunkle Haar zu einem Knoten aufgesteckt. Dennoch vermittelte ihr dunkelgrünes Kleid einen ernsten, wenn nicht gar einen schwermütigen Eindruck. Was war los?

Mit immer schneller werdenden Schritten lief die Tänzerin zunächst ein Rechteck ab. Aus diesem unsäglichen Trott versuchte sie offensichtlich herauszubrechen. Da fing sie an, kräftig auf den Boden zu stampfen. Und allmählich entwickelte sich daraus ein Rhythmus. Gleichzeitig setzte sie ihre Arme in Bewegung und liess ihre Hände mit gespreizten Fingern kreisen. Der Flamenco nahm feste Formen an. Die Stimmung der Tänzerin war aber nach wie vor bedrückt, was sich unschwer am Tragen des «mantons», des Trauertuchs, erkennen liess. Nach einem instrumentalen Part kehrte die Tänzerin wie verwandelt auf die Bühne zurück. Jetzt in einem feurigen roten Kleid. Sie strahlte über das ganze Gesicht, wirkte fröhlich, keck und peitschte den Musiker durch Zurufe ein.

Dann begab sich José Manuel Rodriguez Amor aufs Tanzparkett, der bis anhin Perkussion gespielt hatte. Er begann, um die Gunst der Tänzerin zu buhlen, indem er sie mit seinem Tanz zu beeindrucken versuchte. Es dauerte nicht lange und der Funke sprang tatsächlich rüber. In den Augen der beiden entbrannte nun wahre Leidenschaft. Doch bald tauchte der Mann wieder unter, und die Tänzerin besann sich auf sich selber zurück. Wieder lief sie das Rechteck ab.

Musikalisch begleitet wurde Eva Zürcher ferner von Oliver Bosshard auf der Gitarre sowie Roland Senft auf dem Bandoneon. Beim letzt genannten Instrument handelt es sich um eine deutsche Handorgel, die zwar mittlerweile im argentinischen Tango, nicht aber im Flamenco beheimatet ist. «Eine Art Experiment», wie Senft meinte.

Und experimentiert wurde im Flamenco schon seit eh und je. Seine Wurzeln liegen in der südspanischen Provinz Andalusien des 16. Jahrhunderts, wo ihn nebst iberische auch arabische und jüdische Merkmale prägten. Ab dem 19. Jahrhundert waren es hauptsächlich die Roma, die den Flamenco bekannt machten.

Eva Zürcher, die den Flamenco als Kind in Georges Bizets Oper «Carmen» entdeckt hat, setzt sich schon seit mehr als zehn Jahren mit ihm auseinander. Ihre Ausbildung zur Tänzerin absolvierte sie unter anderem in Madrid bei der renommierten Lehrerin Maria Mercedes Leon. Was fasziniert sie an diesem Tanz so sehr? «Es sind die vorgegebenen Strukturen und Gesetze, die man jedoch individuell umsetzen darf; denn man soll auch immer etwas Persönliches in den Flamenco einfliessen lassen.» (pet)

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