«Volketswiler Abendmusik»: Flamenco-Darbietung mit «Grupo Hechizo Flamenco»
In der Kirche ging die Post ab Stehende Ovationen sind in der reformierten Kirche Volketswil gewiss nicht alltäglich, «Olé»-Rufe schon gar nicht. Letzten Samstagabend wich zwinglianische Nüchternheit und politische Trockenheit zwar freilich nicht seichtem Schunkeln. Aber Lebensfreude und Dynamik kennzeichneten den Auftritt der Zürcher Gruppe «Hechizo flamenco» (sprich: Etschisso). Sie besteht seit 1997, als Flamenco-Tanzlehrerin Judith Hardegger und ihre Live-Musiker («Der Flamenco lebt vom Dialog zwischen Tänzer und Musiker.») ihre Lektionen durch einige Auftritte im Raum Zürich zu bereichern begannen. Der jüngste Einsatz eröffnete die neue Saison der «Volketswiler Abendmusik».
Wie bitte? Diese Reihe garantiert doch sonst klassische Genüsse. «Stimmt», versichert die zuständige Kirchenpflegerin Monique Wittwer, «Schwerpunkt bleibt die Klassik. Aber wir wollen auch ein anderes Publikum mobilisieren.» Letzten Winter mit Gospel, nächste Saison mit Jazz und nun eben mit Flamenco. Die ist das Ergebnis eines Gespräches zwischen Monique Wittwer und der Volketswiler Pastoralassistentin Judith Hardegger, die zu «Hechizo flamenco» gehört. Über Tanz allgemein und Hip Hop kamen die beiden zur nun realisierten Idee.
Die Idee kam an. Volketswiler und Auswärtige, Schweizer und Spanier füllten die gut 400-plätzige Kirche zu drei Vierteln. «So viele Leute hatten wir in der Abendmusik noch nie», ist Wittwer überzeugt. Ein Familienvater aus dem Oberland: «Das ist mal wirklich etwas anderes. Und mich beeindrucken das gegenläufige Klatschen und die exakten Einsätze.»
Dabei fehlte Perkussionist Mark Brazil krankheitshalber. Aber Gitarrist Oliver Bosshard kam auch so zurecht. Virtuos bis verspielt und dramatisch bis lieblich bearbeitete er die Saiten auf ihrer gesamten Länge. Diana Weber bewegte das Publikum singend. Roland Senft spielte sein Bandoneon, ein schmales spanisches Akkordeon. Mal lieferte er den Akkord-Boden, mal die Melodie, mal eine Oberstimme. Mal fröhlich, mal beschaulich, mal wimmernd melancholisch.
Genau wie die Flamenco-Stilrichtungen eben sind. So beklagt etwa der Taranto das Schicksal spanischer Grubenarbeiter, während die Soleares das Leben vom Klatsch bis zur Tragik behandeln oder die Alegrías fröhlichen Charme verbreiten. Diese und andere Stile zeigen, so Judith Hardegger bei ihrer kurzen Einführung, lokale Einflüsse ebenso wie solche anderer Völker aus Spaniens Geschichte: Römer, Perser, Juden, Zigeuner (vielleicht aus Indien). Heute beeinflusst auch moderne Musik den Flamenco.
«Heute Abend werden nicht nur Ihre Ohren verwöhnt, sondern auch Ihre Augen», hatte Monique Wittwer einleitend versprochen. Fürwahr: Zwar blieb Tänzer José Manuel Rodriguez - der einzige Spanier der Gruppe - schwarz gekleidet, aber Barbara Hass und Judith Hardegger erschienen in immer neuen Röcken: rot, blau, magenta, grün/schwarz, weiss/bunt. Die Stofffülle ihrer Röcke bezogen sie in ausladende Armbewegungen ein.
Wichtiger für die Augen waren aber die Tänzerinnen selbst, meist alleine agierend. Hass und Rodriguez zeigten auch einen lebhaften Paartanz und später mit Hardegger eine Art Reigen. Immer erstaunte die ausdrucksstarke Stilvielfalt: Langsame Arm- und Beinbewegungen mündeten in rasches Präzisionssteppen auf der Holzbühne oder in wirbelndes Drehen - und zurück. Zudem waren die Stücke lang genug, um trotz Anstrengung die Tanzfreude sichtlich zu steigern.
«Olé!» riefen Spanier, «No meh!» erwiderten Schweizer. Ohne zweite Zugabe ging nichts. Da animierte die klatschende Gruppe sogar den Gitarristen zu einer Tanzeinlage. Beim Abschied bekam eine/r mehr Applaus als der/die andere. «Die Stimmung hat uns überwältigt», meint Judith Hardegger, «die Leute liessen sich echt begeistern.» Und Monique Wittwer war überrascht: «Der Funke sprang über Erwarten stark aufs Publikum über.»
Arthur Phildius
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